Der erste Geburtstag meines großen Sohnes. Torte auf dem Tisch, sechzehn Leute im Raum, alle mit dem Handy bereit für das Foto mit dem verschmierten Gesicht. Und ich, die sagt, dass er stattdessen ein Stück Banane bekommt.
Es war kein schöner Moment. Meine Schwiegermutter fand es übertrieben, mein Mann fand es unnötig streng, und ehrlich gesagt habe ich in dieser Sekunde selbst gezweifelt. Ein Jahr lang hatte ich beim Zucker durchgehalten, und ausgerechnet am letzten Tag dieses Jahres stand ich da wie die Spaßbremse.
✓ Im ersten Jahr braucht kein Baby zugesetzten Zucker.
✓ Es geht weniger um Karies als um Geschmacksprägung.
✓ Quetschies, Babykekse und Fruchtjoghurt sind die größten Quellen.
✓ Zucker versteckt sich hinter vielen Namen, addiere sie zusammen.
✓ Ganzes Obst zählt nicht dazu, Saft und Konzentrat schon.
Warum ich es trotzdem gemacht habe
Karies war damals ein Argument, aber nicht mein Hauptgrund. Mir ging es um Geschmacksprägung.
Babys kommen mit einer Vorliebe für Süßes zur Welt, das ist sinnvoll, denn Muttermilch schmeckt süß. Alles andere muss sich erst entwickeln: bitter, sauer, herb, erdig. Diese Entwicklung passiert durch wiederholten Kontakt, und sie läuft schlechter, wenn parallel ständig etwas stark Gesüßtes verfügbar ist.
Ein Baby, das Brokkoli neben Keksen kennenlernt, wählt Kekse. Lernt es Brokkoli neben Karotte kennen, lernt es Brokkoli. Es hängt schlicht daran, womit verglichen wird. Warum ich beim ersten Kind trotzdem vieles anders gemacht habe, steht in meinen sechs Beikost-Mythen.
Wo Zucker überall drin war
Der Teil, der mich am meisten überrascht hat. Ich hatte gedacht, es geht um Süßigkeiten. Es ging um alles andere.
- Quetschies mit Obst. Auf der Packung steht Obst, im Produkt ist püriertes Konzentrat. Der Zucker aus einer ganzen Frucht, ohne die Faser, die ihn bremst.
- Babykekse und Zwieback. Fast immer gesüßt, auch die Bio-Varianten.
- Fruchtjoghurt, auch der für Kleinkinder.
- Fertigbrei mit Keksgeschmack.
- Fruchtsäfte und Schorlen.
- Ketchup und Fertigsaucen, die zusätzlich viel Salz mitbringen.
- Frühstücksmüsli und Granola.
- Manche Brötchen und Toastbrote, mehr dazu unter Toast und Brot beim BLW.
Und dann die Tarnnamen. Glukosesirup, Maltodextrin, Fruktosesirup, Dextrose, Saccharose, Fruchtsüße, Reissirup, Agavendicksaft, Ahornsirup. Alles Zucker. Wenn drei davon in einer Zutatenliste stehen, rutscht keiner auf Platz eins, obwohl die Summe die größte Zutat wäre. Das ist kein Zufall, sondern Rezepturdesign.
Clara’s Tipp
Stehen in einer Zutatenliste mehrere Zuckerarten mit verschiedenen Namen, rechne sie zusammen. Dann siehst du das echte Bild.
Honig gehört in eine eigene Kategorie, dort geht es nicht um Zucker, sondern um ein echtes Sicherheitsthema. Mehr dazu unter Honig für Babys. Was sonst noch im ersten Jahr draußen bleibt, steht in der Übersicht was Babys nicht essen dürfen.
Obst ist kein Problem
Das war die Rückfrage, die ich am häufigsten bekommen habe. Nein, Obst zählt nicht dazu. Ganze Frucht bringt Ballaststoffe, Wasser und eine Struktur mit, die den Zucker langsam freigibt. Saft und Konzentrat tun das nicht.
Meine süßen Rezepte süßen deshalb über Obst. Die Kiwi-Pancakes, die Overnight Oats und der Erdnuss-Blaubeer-Frenchtoast funktionieren alle so. Zerdrückte Banane oder geriebener Apfel reichen völlig. Beim Schneiden gilt dabei dasselbe wie sonst, dazu steht mehr unter Fingerfood für Babys.
Die Kommentare
Das Schwierigste am Zuckerthema war nie der Zucker. Es waren die Leute.
Ein bisschen schadet doch nicht. Wir sind auch alle groß geworden. Lass sie doch mal. Ich habe all das gehört, meistens von Menschen, die es gut meinten.
Geholfen hat mir nicht das Diskutieren, sondern das Vorsorgen. Ich hatte auf Feiern immer etwas dabei, das aussah wie ein Nachtisch. Obstspieße, gefrorene Bananenstücke, ein Muffin nach meinem eigenen Rezept. Dann saß mein Sohn mit etwas am Tisch und niemand hatte das Gefühl, dass ihm etwas fehlt. Falls dir ähnliche Situationen bevorstehen, hilft vielleicht der Artikel BLW und Großeltern, und für Feiern konkret der zum Kindergeburtstag.
Was ich beim zweiten Kind anders gemacht habe
Ich war entspannter. Nicht bei der Regel selbst, die habe ich beibehalten, aber bei mir.
Beim ersten Kind habe ich jeden Ausrutscher als Scheitern verbucht. Der eine Keks im Wartezimmer, den ihm jemand zugesteckt hat, hat mich einen halben Tag beschäftigt. Beim zweiten wusste ich, dass es um den Durchschnitt über ein Jahr geht und nicht um eine Prüfung mit Bestehensgrenze. Ein Keks ändert keine Geschmacksprägung, tägliche Quetschies schon.
Beim zweiten Geburtstagskind gab es dann eine Bananen-Hafer-Torte, ungesüßt, mit Joghurt bestrichen. Zerlegt, eingeschmiert, gestrahlt. Die Fotos sind genauso gut geworden. Hätte ich beim ersten Mal schon wissen können, aber es war eben das erste Mal.
Wenn du gerade am Anfang stehst: Ob dein Baby überhaupt bereit ist, klären die drei Reifezeichen. Wie ich die ersten Wochen aufbaue, steht in meinem BLW-Ratgeber, und alle Rezepte findest du in der Rezeptsammlung ab sechs Monaten.
Meine Bücher zum Thema
Wenn du Rezepte suchst, die ohne zugesetzten Zucker auskommen, findest du sie in meinen Büchern:
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